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Ausstellung Eva Volk
Parallelausstellung zu "Und scheint die Sonne noch so schön, am Ende muss sie untergeh'n".

20.8. Alte Synagoge Altenkunstadt, 21.8. Rathaus Burgkunstadt, 25.8. Kaisersaal Kloster Banz, 27.8. Stadtschloss Lichtenfels, 28.8. 2004 Stadtschloss Lichtenfels

 


Künstler
Eva Volk (Malerei und Zeichnungen)


Groteske Körper

Betrachtet man die Malereien Eva Volks flüchtig, so scheint ihr Werk in zwei Richtungen zu zerfallen: Offensichtlich unrealistische Bilder, die von grotesken Gestalten bevölkert sind, und Bilder eher klassischer Prägung, die Personen in Portraits darstellen. Gerade diese Portraits aber, die scheinbar dem Betrachter weniger Widerstand entgegenbringen, hinterlassen ein Gefühl der Unstimmigkeit, das entweder zu einem schnellen, eher abschätzigen Urteil führt oder aber zu einer erneuten, näheren Betrachtung. Und dabei fällt ins Auge, dass die dargestellten Körper so nicht funktionieren; stets fügt sich zumindest ein Körperteil nicht zum Ganzen, wie beispielsweise bei dem Portrait eines Frauenkopfes der Arm nicht zum restlichen Körper passt. Imaginiert man den restlichen Arm unter Einbezug seiner dimensionalen Verkürzung, so müsste die Schulter unnatürlich weit vorne oben liegen, der Arm selbst überlang sein. Die Identität des Körpers, die der erste Blick nahe legt, wird zerstört, es bleibt in der Schwebe, ob hier eine oder zwei Personen dargestellt werden. Die Auflöseerscheinungen begegnen wieder in der Hand, die auf der Stirn gleichsam verwischt und den Ringfinger nur noch durch seine Einbindung in die Umgebung als Finger kenntlich macht. Ausgehend von der Gesichtsmitte, die Nase und Augen sehr plastisch herausarbeitet, verflacht das Bild immer mehr nach außen hin, wo die Ohren gänzlich wegfallen und der Hinter-grund auf derselben Ebene wie der Vordergrund zu liegen kommt. Die Haare schließlich gleichen eher einer Badehaube und sind in ihrer Plastizität nicht einmal mehr angedeutet. Das Auffinden dieser Unstimmigkeiten wirft den Betrachter immer wieder auf sich selbst zurück; der erste Eindruck einer Körperidentität erweist sich als Konstruktion des Betrachters, die über mannigfaltige Störungen hinwegsehen muss; das Po-stulat eines zweiten Körpers links vor dem dargestellten Kopf (und damit tendenziell im Raum des Betrachters) bricht eine Deu-tungsvielfalt der dargestellten Szene auf, die wiederum der Betrachter in Kohärenz bringen muss (was im Einzelnen sehr unterschiedlich ausfallen kann). Besonders deutlich wird dieses Zurückwerfen des Betrachters auf sich selbst bei den weiblichen Akten, deren Kopf abgeschnitten ist: Eine nackte Frau mit geöffneten Beinen ohne Kopf – das ist doch das reine Sexobjekt, der Lustkörper, dem mit Gesicht und Augen Personalität und Seele genommen wurde – ein Skandal, Pornographie! Oder, da der weibliche Vorname der Künstlerin sie vor dem Vorwurf männlichen Chauvinismus’ bewahrt, gerade die Kritik an der pornographischen Verzweckung des weiblichen Körpers? Aber was, wenn sie sich selbst gerne am Anblick nackter weiblicher Tatsachen ergötzt?

Weitaus spannender als diese Fragen ist wiederum der Blick auf die eigenen Interpretationsgrundlagen: Was ist das für eine Körperwahrnehmung, die sich bei einem Akt über das Weglassen eines Gesichtes deutlich mehr erregt als über das Unterschlagen einer Vagina? Welche gesellschaftlichen Dispositionen bringen uns dazu, uns beim kollektiven Anblick weiblicher Geschlechtsteile wohler zu fühlen, wenn wir auch ein Gesicht dazu haben? Denn letztlich ist ein Bild selbst niemals eine Beleidigung, eine Frechheit, ein Postulat oder eine Forderung, sondern immer nur Farbe auf einem Malgrund.

Silvan Wagner

Zeichnung: Eva Volk